Schritt 1: Identifizierung

Identifizierung klinischer Daten
Relevante Daten für die klinische Bewertung können vom Hersteller vorgehalten oder aus der wissenschaftlichen Literatur beschafft werden.
Zu den Daten vom Hersteller gehören z.B. Daten aus präklinischen und klinischen Studien oder aus der Marktbeobachtung nach Inverkehrbringen des Medizinproduktes. Zu den wissenschaftlichen Daten gehören z.B. Publikationen über das Produkt (von Dritten durchgeführte Studien), Publikationen über Vergleichsprodukte oder auch Meldungen über Vorkommnisse mit dem Produkt und Vergleichsprodukten.

 


Literatursuche
Die Suche in Literaturdatenbanken dient dazu um an klinische Daten zu gelangen, die dem Hersteller nicht vorliegen und die dazu verwendet werden können, um den Nachweis der Leistung und der Sicherheit des Medizinproduktes zu erbringen. Die über die Literatursuche identifizierten Daten können entweder direkt mit dem zu bewertenden Produkt im Zusammenhang stehen oder mit Vergleichsprodukten.

Bei einigen Medizinprodukten kann es möglich sein, dass die über die Literatursuche identifizierten klinischen Daten den größeren (wenn nicht sogar den gesamten) Teil der Daten zur Erbringung des klinischen Nachweises (clinical evidence) ausmachen. Daher sollte bei der Durchführung der Suche darauf geachtet werden, dass diese einen angemessenen Umfang hat.

Publizierte Daten müssen im Hinblick auf ihren Beitrag zur Erbringung des Nachweises der Leistung und der Sicherheit des zu bewertenden Produkte bewertet und gewichtet werden. Publikationen, die z.B. auf Grund eines mangelhaften Studiendesigns als nicht relevant bezüglich der Leistung des Produktes eingestuft wurden, können durchaus relevante Daten hinsichtlich der Sicherheit des Medizinproduktes enthalten.

 


Schlüsselelemente der Literatursuche
Die Suchstrategie sollte sich an sorgfältig formulierten Fragestellungen orientieren. Es sollte ein Suchprotokoll erstellt werden um relevante Publikationen zur Beantwortung der Fragestellungen zu identifizierten, auszusuchen und zusammenzustellen. Hierbei ist darauf zu achten, dass die mit der Suche betraute Person entsprechende Erfahrung mit Literatursuchen hat und auch die Fragestellungen gemäß den Anforderungen des Herstellers formulieren kann. Der Einsatz von Spezialisten auf dem Gebiet kann hilfreich sein um den Erfolg der klinischen Bewertung sicherzustellen.

Nachdem die Literatursuche durchgeführt wurde ist ein Bericht über die Suche zu erstellen in dem die Resultate präsentiert werden. Eine Kopie des Berichtes ist der klinischen Bewertung beizufügen. MEDDEV 2.7.1. Rev3 gibt im Anhang A ein Beispiel dazu, wie ein solcher Bericht aussehen kann.
Darüber hinaus muss die Literatursuche umfangreich dokumentiert werden um folgende Punkte zu gewährleisten:
–    die Suchmethode muss kritisch beurteilt werden können
–    dass Ergebnisse der Suche muss verifiziert werden können
–    die Suchmethode muss nachvollziehbar sein um die Suche ggf. rekonstruieren zu können
Auch dazu gibt MEDDEV 2.7.1. Rev3 ein Beispiel im Anhang B


Daten aus der klinischen Erfahrung
Diese Daten kommen aus der klinischen Anwendung des Produktes oder von Vergleichsprodukten. (Hier sind nicht die klinischen Studien gemeint!)
Unter anderem gehören folgende Daten dazu:
–    Post market surveillance Bericht
–    Produktregister oder Kohorten-Studien
–    Meldungen über Vorkommnisse (z.B. aus Behörden-Datenbanken oder vom Hersteller)
–    Daten aus Fallstudien mit einzelnen Patienten vor Inverkehrbringen des Medizinproduktes
–    Daten über korrektive Maßnahmen (z.B. Rückrufe, Warnhinweise, Meldungen)

Der Vorteil dieser Daten ist, dass es sich dabei um wirkliche Erfahrungswerte aus der Praxis handelt bei denen in den meisten Fällen davon auszugehen ist, dass es sich um weniger erfahrene Anwender und eine heterogener Patientenpopulation handelt. Die Daten helfen dabei, seltenere aber schwerere produktbezogene Vorkommnisse zu identifizieren und liefern somit auch Informationen über Langzeiterfahrungen mit dem Medizinprodukt. Diese Erfahrungen umfassen auch Daten bezüglich der Lebensdauer des Produktes, Fehlerarten und sie geben Aufschluss über die Lernkurve des Anwenders.
Darüber hinaus ist diese Datenquelle speziell für Medizinprodukte niedriger Risikoklassen hilfreich, für die weder in der wissenschaftlichen Literatur, noch in klinischen Studien Daten vorliegen, mit denen jedoch langjährige Praxiserfahrungen vorliegen und die als anerkannte Technologie gelten.


Daten aus klinischen Studien/Prüfungen
Klinischen Prüfungen müssen gemäß der geltenden Standards durchgeführt werden. In der Regel werden klinische Prüfungen gemäß EN ISO 14155-1 und 2 durchgeführt.
Unter anderem werden in der klinischen Studie folgende Dokumente erstellt, die für die klinische Bewertung herangezogen werden sollten:

  • Studienplan (clinical investigation plan)
  • Studienplan-Änderungen inkl. deren Begründung
  • Zustimmung (Beschlüsse und Begründungen) der Ethikkommission und Kommentare
  • Ort der Studiendurchführung und Kopien der freigegebenen Patienten-Einverständniserklärung und Dokumente zur Patienten-Information
  • Formulare für die Berichte, das Monitoring und Auditberichte
  • Zustimmung (und relevanter Schriftverkehr) der verantwortlichen Behörde
  • Unterschriebener und datierter Abschlußbericht

Sollten Daten über klinische Studien mit Vergleichsprodukten oder mit dem zu bewertenden Produkt (von Dritten durchgeführte Studie) in der wissenschaftlichen Literatur identifiziert werden, so ist davon auszugehen, dass nicht mehr Daten, als die in der Publikation enthaltenen zugänglich sind.

 

Schritt 2 – Beurteilung klinischer Daten

Beurteilung der Daten
Die Beurteilung der verfügbaren klinischen Daten erfolgt mit dem Ziel die Wertigkeit und die Einschränkungen der Daten aufzuzeigen. Jeder Datensatz (z.B. Publikation, Meldung, klinische Studie, usw.) wird hinsichtlich folgender Punkte beurteilt:

  • Angemessenheit um Fragestellungen in Bezug auf das zu bewertende Produkt zu beantworten
  • Beitrag zur Erbringung des Nachweises der Leistung und Sicherheit des Medizinproduktes

Die Beurteilung der klinischen Daten erfolgt anhand von festgelegten Beurteilungskriterien. MEDDEV 2.7.1. Rev3 gibt in Anhang C einige Beispiele. Darüber hinaus gibt es jedoch eine Vielzahl weiterer Bewertungsmöglichkeiten und keine einzelne, gut etablierte oder besonders gut geeignete Methode um klinische Daten zu bewerten. Daher sollte der Autor im Voraus die angemessenen Kriterien für den jeweiligen Anwendungsfall identifizieren und dokumentieren. Die Auswahl der Kriterien sollte vom Autor begründet werden.

Die identifizierten Kriterien sollten dann konsequent angewendet werden.

Die klinischen Daten sollten, wenn möglich, nach sicherheitsrelevanten und nach leistungsrelevanten Publikationen geteilt werden, so dass eine getrennte Betrachtung der Aspekte möglich ist. Zusätzliche Kategorien zur Beurteilung sind zulässig und können in Abhängigkeit von der Zweckbestimmung des Medizinprodukte nötig sein. Die klinischen Daten sollten auch bezüglich ihres Beitrages zur Gesamtbewertung gewichtete werden. MEDDEV 2.7.1. Rev3 gibt auch hierzu in Anhang D Beispiele, die jedoch vielfältig ergänzt werden können.

 

Schritt 3 – Anlayse klinischer Daten

Analyse der klinischen Daten
Das Ziel der Analyse ist die Festlegung ob die beurteilten Daten insgesamt die Leistung und die Sicherheit des zu bewertenden Medizinproduktes im Hinblick auf seine Zweckbestimmung unterstützen.
Die Methoden zur Analyse klinischer Daten sind in der Regel entweder qualitativer oder quantitativer Natur. Im Hinblick auf die Art und Wiese der Entwicklung der meisten Medizinprodukte (geringe Notwendigkeit klinischer Studien auf Grund inkrementeller Änderungen des Produktes und Bezugname auf wissenschaftliche Literatur und vorhandene Praxiserfahrung) werden häufig qualitative Methoden verwendet werden müssen um solche inkrementellen Änderungen zu adressieren. Vorausgesetzt, dass dies gerechtfertigt ist.

Jedes Bewertungskriterium, dass im Beurteilungsschritt (Schritt 2) festgelegt wurde kann verwendet werden Daten zu identifizieren, die eine entscheidende Rolle für die Bewertung der Leistung und Sicherheit des Medizinproduktes spielen. Es kann hilfreich sein, die Schlüssel-Publikationen und Daten im Hinblick auf Konsistenz bezüglich bestimmter Leistungsmerkmale und/oder Risiken zu prüfen. Wenn die verschiedenen Publikationen/Daten ähnliche Resultate liefern, so steigt die Gewissheit über die Richtigkeit der Aussage. Im Falle von unterschiedlichen Ergebnissen in den verglichenen Publikationen/Daten ist der Grund dafür zu untersuchen. In jedem Falle sollten alle Publikationen/Daten mit in die Bewertung einbezogen werden.

Als letzten Schritt sollte der Autor beleuchten auf welcher Basis gezeigt werden kann, dass die bewerteten Daten folgendes zeigen:

  • Das Medizinprodukt erbringt die vom Hersteller festgelegte Leistung gemäß seiner Zweckbestimmung
  • Von dem Medizinprodukt gehen weder für den Patienten, für den Anwender, noch für Dritte unakzeptable Restrisiken aus
  • Alle Risiken, die im Zusammenhang mit Medizinprodukte stehen sind akzeptabel wenn sie mit dem Nutzen für den Patienten abgewogen werden

Bei dieser Betrachtung sollten folgende Aspekte in Erwägung gezogen werden:

  • Anzahl der mit dem Medizinprodukt behandelten Patienten
  • Art und Angemessenheit der Patientenüberwachung
  • Anzahl und Schweregrad der Vorkommnisse und Nebenwirkungen
  • Angemessenheit der bewerteten Risiken in Bezug auf die möglichen Gefährdungen
  • Der Schweregrad und der normale Verlauf des (Patienten-)Zustandes der untersucht oder geheilt werden soll
  • Vorhandensein alternativer Diagnose- oder Behandlungsmethoden
  • Aktueller Stand der Technik

Literatur über das Produkt (inkl. Broschüren und Gebrauchanweisung) sollten vom Autor der klinischen Bewertung auf Konsistenz mit den vorliegenden Daten geprüft werden. Es sollte gewährleistet sein, dass relevante leistungs- und/oder sicherheitsbezogene Informationen identifiziert und ausreichend beachtet wurden.

 

Schritt 4 – Clinical Evaluation Report

Bericht

Zum Abschluss der klinischen Bewertung wird ein Bericht erstellt, der den Rahmen der Bewertung darstellt und eingrenzt. Außerdem werden folgende Punkte in dem Bericht berücksichtigt:

  • Die Eingaben (klinische Daten)
  • Die Beurteilung und die Analyse
  • Schlussfolgerungen bezüglich der Leistung und der Sicherheit des zu bewertenden Medizinproduktes

Der Bericht zur klinischen Bewertung sollte ausreichend Informationen enthalten um als eigenständiges Dokument gelesen werden zu können (z.B. von benannten Stellen oder Behörden):

  • Die Technologie auf der das Medizinprodukt basiert
  • Die Zweckbestimmung des Medizinproduktes und darüber hinausgehende Angaben des Herstellers bezüglich der Leistung und Sicherheit des Produktes
  • Die Art und den Umfang der berücksichtigten und bewerteten klinischen Daten
  • Wie die berücksichtigten Daten (z.B. Standards, Normen, klinische Daten, usw.) die klinische Leistung und Sicherheit des zu bewertenden Produktes darstellen

Die klinische Bewertung wird datiert und von dem/den Autor/en unterschreiben und es wird eine Begründung für die Wahl des Autoren beigelegt.

MEDDEV 2.7.1. Rev3 bietet im Anhang E ein Beispiel für eine Bericht zur klinischen Bewertung. Es wird darauf hingewiesen, dass die Detailtiefe des Berichtes vom Rahmen der klinischen Bewertung abhängig ist. Z.B ist es möglich eine klinische Bewertung eines Vergleichsproduktes heranzuziehen und zu referenzieren. Diese Bewertung wird somit Teil des klinischen Nachweises.

Die klinische Bewertung muss aktiv in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden (s. Richtlinie 93/42/EWG, Anhang X, Absatz 1.1c bzw. RL90/385/EWG, Anhang 7, Absatz 1.4). Der Bericht zur klinischen Bewertung sollte als ein sich kontinuierlich weiterentwickelndes Dokument angesehen werden, dass eine Zusammenfassung aller klinischen Daten bezogen auf ein Medizinprodukt darstellt. Die einzubeziehenden Daten sind folgende:

  • Daten aus der Literatursuche
  • Klinische Studien/Prüfungen
  • Post market Surveillance Daten
  • Post market clinical follow-up Daten